Presse: Die AZ zu Beo und Innovationspreis
Binger Orthopädie-Spezialist Wolf erhält Innovationspreis für Rollstuhl-Sitzschale

Für seine Rollstuhl-Sitzschalen aus Aluminium erhielt Gregor Wolf den Innovationspreis des Landes und der Kammern.Foto: hbz/Kristina Schäfer
BINGEN Kinder-Rollstühle müssen mitwachsen. Für Idee und Tüftelarbeit erhielt das Binger Orthopädietechnik-Unternehmen Wolf den Innovationspreis des Landes. Der mit 48000 Euro dotierte Preis will kleine und mittlere Unternehmen zu Neuentwicklungen motivieren.
Von
Christine Tscherner
Am Anfang standen drei Kinder. Zwei waren mit Rückenmarksspalt zur Welt gekommen und querschnittsgelähmt, eines lebte mit ausgeprägter Spastik. Alle drei brauchten Sitzschalen und Stützen für den Rollstuhl. Üblicherweise montieren Orthopädietechniker eine individuell aus polsterndem Schaum ausgefräste Schale auf einen Rollstuhl-Rahmen. "Dadurch liegt der Körperschwerpunkt aber sehr weit oben und vorn", veranschaulicht Firmenchef Gregor Wolf. Aktiv sein fällt in dieser Sitzposition schwer. Die Eltern der drei Kinder baten eindringlich: "Bitte, entwickle was." Denn je mehr die Restmuskulatur gefordert ist, desto besser die Perspektiven fürs Kind.
Hilfsmittel entwickeln für mehr Aktivität, mehr Mobilität und höhere Lebensqualität von Behinderten, Gebrechlichen und Amputierten - in diesem Nischenmarkt ist die Binger Firma Spezialist. Zusammen mit drei sozialpädiatrischen Zentren ging Gregor Wolf die Denkaufgabe an. Die zündende Idee: Räder und Seitenteile der Rollstühle müssten direkt an die tragende Sitzschale montiert werden können. Mit dem Wachstum des Kindes würden die Räder einfach ab- und an eine breitere Sitzschale angeschraubt. Das senkt Folgekosten.
In der 1800-Quadratmeter-Werkstatt des umgebauten Weinguts experimentierte Wolfs Team mit Materialien. Superstabil, steif und dennoch leicht und dünn sollte die Schale für den Sitz sein. Hochfestes Aluminium bildete nach einem halben Jahr Entwicklungszeit das Kernstück. "Beo" hat Gregor Wolf seine patentierte Konstruktion getauft, ein Vogel- und Heldenname. Die Abkehr von allen bisherigen Rollstuhl-Konstruktionen macht nicht nur in Familien mit körperbehinderten Kindern die Runde. "Inzwischen sind Sport-Rollstühle nach dem Beo-Prinzip nachgefragt." Derzeit ist eine dritte Variante für Menschen mit Teilhüft-Amputation in Arbeit. Berufskollegen sind überregional neugierig geworden. 30-mal haben Binger Orthopädietechniker den "Beo" bislang gebaut - immer aus individuellen Abgüssen, verbunden mit Aluminium-Serienteilen. Serie schafft Kostenersparnis, der Wegfall des sperrigen Rollstuhlrahmens mehr Mobilität.
Das 1993 gegründete Binger Unternehmen bedient einen sensiblen Spezialmarkt. Von den rund 2000 Firmen bundesweit gehört Wolf für Orthesen in Rheinland-Pfalz zur Elite. Sonderanfertigungen sind das Steckenpferd des 30-köpfigen Unternehmens. Aus aller Welt reisen Kunden nach Bingen. In Deutschland haben Unfallopfer die Hauptkundschaft der Kriegsversehrten längst abgelöst. Mit Neuentwicklungen, superleichten Materialien und "Hightech statt Holzbein" sorgte das Unternehmen bereits mehrfach für Schlagzeilen. Das Tüfteln für ein aktives Leben mit hoher Mobilität und Qualität belohnte Wirtschaftsminister Hendrik Hering mit dem Innovationspreis 2008.
[Quelle: www.allgemeine-zeitung.de]









